Teile und gewinne

Open Source Ecology Kostenlose Pläne zum Nachbauen für alle: Eine neue Bewegung macht dem Kapitalismus Konkurrenz

Teile und gewinne

40 von 50 Geräten, die nötig sind, damit ein Dorf autark existieren kann

Abb.: Open Source Ecology

An einem regnerischen Samstagnachmittag treiben Timm Wille und seine vier Mitstreiter den Sturz des kapitalistischen Systems voran. Sie werden das auf friedliche Weise tun, mit Schraubschlüsseln und Schweißgerät. Treffpunkt ist eine kleine Werkstatt auf dem Gelände einer Berliner Schule. Sie dürfen hier sein, denn Timm Wille leitet die Werkstatt. Unter der Woche zeigt der 24-jährige Student den Schülern ehrenamtlich, wie sie ihre Fahrräder reparieren können.

Timm kniet neben Kisten voller Lampen auf dem Boden und misst die verschiedenen Teile eines Fahrradrahmens aus. Die vier anderen stehen um die lange Werkbank herum und debattieren darüber, wie sie mehr Frauen für solche Treffen begeistern können. Denn mit Laura ist nur eine weibliche Person anwesend. Wie so oft. Liegt es daran, dass Frauen nicht so für Technik zu begeistern sind? Laura hält dagegen, dass sich das wohl nicht verallgemeinern ließe. Die Diskussion findet vorerst ein Ende, als Timm Hilfe braucht. Die Gruppe will heute am Lastenfahrrad weiterbauen. Auf dem Tisch liegt der Bauplan, runtergeladen von der Online-Plattform „Open Source Ecology Deutschland“.

Kostenlose Arbeit

„Open Source“ ist vor allem wegen erfolgreicher Computersoftware wie Linux ein weltweit bekannter Begriff geworden. Der Quellcode der Programme ist frei zugänglich, Privatmenschen wie Firmen haben das Recht, ihn nicht nur zu benutzen, sondern die Programme nach Belieben anzupassen. Das Internet ist dabei essenziell, ermöglicht es doch erst, das Wissen über ganze Kontinente hinweg zu teilen. Wer an Open-Source-Projekten arbeitet, tut das meist kostenlos. Allein das erschüttert den Grundgedanken des herkömmlichen Wirtschaftens. Denn bisher haben Unternehmen Produkte vor allem entwickelt, um damit Geld zu verdienen.

„Open Source Ecology“ (OSE) funktioniert nach den Regeln einer offenen Alternativ-Wirtschaft. Anstatt an Softwareprogrammen zu basteln und diese zu veröffentlichen, stellen die Mitglieder der OSE-Netzwerke Konstruktionspläne von Maschinen und Geräten online. Es ist ein erklärtes Ziel der Community, dass die Produkte einen ökologischen und sozialen Beitrag leisten. Auf der Plattform des deutschen OSE-Netzwerks stehen neben dem Bauplan für das Lastenfahrrad auch Anleitungen für eine Zink-Luft-Brennstoffzelle oder eine Windturbine. Kosten und Materialaufwand sollen möglichst gering sein. Das Wichtigste aber ist, dass die Maschinen gut nachgebaut werden können. Wer baut, dokumentiert das und stellt später Texte, Fotos oder Videos online. Ein Kennzeichen der OSE-Bewegung ist, dass ihre Mitglieder nicht nur digital gemeinsam an einem Produkt arbeiten, sondern die Maschine eben auch in der realen Welt zusammen bauen. „Es geht um mehr als nur ums Bauen. Bei den Treffen sprechen wir viel über aktuelle Entwicklungen in der Wirtschaft. Ich denke, dass das, was wir zusammen auf die Beine stellen, auch etwas verändern kann. Es gibt immer mehr Projekte, das ist eine spannende Zeit“, sagt Timm.

Ihre Anfänge hatte die OSE-Bewegung bereits vor über zehn Jahren in den USA. Als Vater gilt der US-Amerikaner Marcin Jakubowski. Damals Anfang 30, malte sich der frischgebackene Doktorand der Physik aus, wie er immer nur an kleinen Teilen eines Forschungsprojekts arbeiten würde. Er sah seine Kollegen am Lehrstuhl, wie sie akribisch Informationen voreinander versteckten, anstatt sie zu teilen. Bei einer TED-Konferenz im Jahr 2011 erklärte Jakubowski seinen Sinneswandel: „Ich hatte mich so derart spezialisiert. Und plötzlich habe ich verstanden, dass ich absolut nutzlos bin, solange ich nicht alles selbst machen kann.“ Im Video ist hinter ihm eine Tafel eingeblendet, vollgeschrieben mit komplizierten Formeln. In Jakubowskis Augen war keine einzige geeignet, die echten Probleme der Welt anzugehen.

Um seinen Traum von der Unabhängigkeit zu verwirklichen, kaufte sich Jakubowksi zusammen mit seiner Freundin ein großes Stück Land im US-Bundesstaat Missouri. Sie fertigten eine Hütte aus über 2.000 Plastiktüten, bauten Weizen an und pflanzten Obstbäume. Eigentlich hätte es so weitergehen können, wäre der Traktor nicht kaputtgegangen. Da das nötige Geld fehlte, wollte Jakubowksi einfach selbst einen neuen Traktor bauen. Dadurch begann er sich zu fragen, welche Geräte unerlässlich seien, um ein Dorf vollkommen unabhängig zu versorgen. 50 Maschinen standen am Ende auf seiner Liste: Bulldozer, Windturbine, Melkmaschine, Brunnenbohrer, Ziegelpresse, ein Gerät zum Ausbringen der Saat, ein anderes, das mit Sonnenwärme Dampf erzeugt. Er gab der Liste den Namen „Global Village Construction Set“, ein Startpaket für eine kleine Zivilisation. In Foren warb der charismatische Jakubowski um Spenden, endgültige Bekanntheit erlangte er durch den TED-Auftritt. Immer mehr Freiwillige besuchten sein Gelände, die „Factor e Farm“, unter ihnen Studenten in den Zwanzigern, erfahrene Ingenieure und Unternehmer. Alle waren sie vom „Do it yourself“-Gedanken getrieben. „Ein Stück Land zu bewirtschaften ist genauso populär geworden, wie im Ausland zu studieren“, schreibt ein Mann, der für ein paar Monate auf der Farm gelebt hat, in einem Forum. In den letzten Jahren aber wurde Jakubowski zunehmend von seinen Anhängern kritisiert. Manchen gilt er als größenwahnsinnig, weil er seine Ideen immer schneller umsetzen will. „Unser Ziel ist eine Sammlung von veröffentlichten Entwürfen, so klar, so vollständig, dass solch ein effektives Starter-Kit auf eine einzige DVD passt“, lautet eine seiner Devisen.

OSE-Netzwerke gibt es mittlerweile in ganz Europa. Zumindest in Deutschland wollen es die Initiatoren anders machen als in den USA. Es soll bloß keiner allein durchziehen. „Die deutsche Gemeinschaft ist eher eine ‚Fork‘ der amerikanischen Bewegung“, sagt Andrea Vetter, die an der Humboldt-Universität Berlin gerade eine Doktorarbeit über Techniken für eine Postwachstumsgesellschaft schreibt, in der es auch um OSE geht. „Fork“ ist der in der Community verwendete Begriff für Abspaltung. Über 20 ganz aktive Mitglieder hat die OSE-Gruppe in Berlin, doch weit mehr Interessierte bauen gemeinsam an Maschinen. Noch ist unklar, wohin die Reise geht. Wie streng sollen die Kriterien für die Produkte sein? Wie genau soll der Bau von Maschinen dokumentiert werden? „Solche Fragen sind noch ungeklärt“, weiß Vetter. Aber genau das, so die Doktorandin, lasse eben auch viele Möglichkeiten zum Gestalten. Manche Kriterien, die in Jakubowskis Modell wichtig sind, hat die deutsche Community übernommen. So zum Beispiel den modularen Charakter der Maschinen. Module sind leichter zu verstehen und mit wenigen Änderungen leicht ineinander überführbar.

Nachhaltige Alternative

Der deutschen OSE-Community geht es auch darum, zu zeigen, dass Open-Source-Projekte wesentlicher Bestandteil einer nachhaltigen Wirtschaft sein können. „Ich finde es wichtig, einen positiven Technik-Begriff in Debatten über alternative Wirtschaftsmodelle einzubringen“, sagt Forscherin Vetter. Sie selbst habe festgestellt, dass viele Postwachstums-Befürworter prinzipiell voreingenommen seien, wenn es um Technik geht. Und tatsächlich können Produkte, die aus Open-Source-Projekten entstehen, auch alles andere als umweltfreundlich sein. „Aber so können eben auch gute und nachhaltige Alternativen geschaffen werden“, ist Vetter überzeugt. Die Möglichkeiten scheinen endlos. Gibt es auf Höfen bald Traktorbaupartys? Werden dank der Online-Pläne die Maschinen bald in der Mongolei oder in Afrika nachgebaut und erprobt? Das wäre wünschenswert, denn jeder Nachbau bedeutet immer auch Weiterentwicklung. In Regionen etwa, wo bestimmte Baumaterialien oder Einzelteile nicht gut zu bekommen sind, findet jemand vielleicht eine Alternative und notiert das im Internet, was wiederum von einem anderen ergänzt wird.

In der kleinen Werkstatt in Berlin hat sich die Gruppe der Lastenfahrrad-Bauer mittlerweile vergrößert. Nun wird geschweißt. Timm teilt Schutzkleidung aus, mit dem gesamten Baumaterial geht es nach draußen, trotz Kälte und Nieselregen.

Der Rest hat es sich in der Werkstatt gemütlich gemacht und schaut sich Bilder der neuesten Idee an. Auf einem über 14.000 Quadratmeter großen Gelände, abseits der Autobahn zwischen Berlin und Hamburg, entsteht gerade das erste europäische OSE-Lab. Wird hier das deutsche „Maschinen-Startpaket“ entworfen? Ein Büro zum Planen und Gästezimmer für Freiwillige sind jedenfalls schon fertig. Natürlich alles selbst gebaut.

Quelle: http://www.freitag.de / Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 17/15

Massen-Proteste gegen TTIP in ganz Europa

Zehntausende Gegner des geplanten Freihandelsabkommens TTIP haben bei einem internationalen Aktionstag ihren Protest auf die Straße getragen. Allein in Deutschland waren mehr als 230 Demonstrationen geplant. In den kommenden Wochen verhandeln EU und USA weiter über das transatlantische Handelsabkommen.

«Wir wollen damit deutlich machen, dass der Widerstand weitergeht», sagte am Samstag Roland Süß vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac, das zahlreiche Veranstaltungen mitorganisiert hatte.

Laut Attac waren rund 750 Aktionen in etwa 45 Ländern geplant, davon mehr als 230 in Deutschland.

Die Proteste richteten sich auch gegen das vorgesehene Abkommen mit Kanada (CETA) und ein geplantes Dienstleistungsabkommen mit den Vereinigten Staaten (TISA).

An diesem Montag beginnt in New York die mittlerweile neunte Verhandlungsrunde zum TTIP-Abkommen zwischen USA und Europäischer Union.
Die Vereinbarung soll Hemmnisse im transatlantischen Handel abbauen und grenzüberschreitende Investitionen ankurbeln. Wirtschaftsverbände wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sehen darin Chancen für Wachstum und Beschäftigung.
Kritiker befürchten dagegen, dass europäische Standards etwa im Verbraucher- und Umweltschutz oder im sozialen Bereich gesenkt werden.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versuchte zu beruhigen. Die Standards seien Gesetz und blieben es auch, sagte sie am Samstag in Greifswald, wo sie in ihrem Wahlkreis bei einer Veranstaltung für den Oberbürgermeister-Kandidaten auftrat. Die Verbraucherschützer von Foodwatch sehen dagegen «ein ganz großes Risiko».
«TTIP wird unsere demokratischen Rechte einschränken. Denn in Zukunft werden die Konzerne noch mehr Einfluss darauf haben, wie die Gesetze geschrieben werden», warnte Geschäftsführer Thilo Bode im Sender NDR-Info.
Linke-Chef Bernd Riexinger warnte am Samstag bei einer Kundgebung in Kassel: «Selbstverständliche Standards für Lebensmittel, Umwelt, Beschäftigung, öffentliche Dienste – mit TTIP wird die Welt auf den Kopf gestellt.»
In München protestierten fast 20 000 Demonstranten gegen TTIP. Der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger, warnte bei der Kundgebung vor einem «Abbau der ökologischen, sozialen und kulturellen Standards». TTIP stelle einen «umfassenden Angriff auf unsere Lebensqualität» dar.
In Köln verlangten einige Hundert TTIP-Gegner in umgedichteten Karnevalsliedern mehr Schutz für Umwelt, Arbeitnehmer, Konsumenten und deren Gesundheit. In Stuttgart zählte die Polizei rund 1000 Demonstranten, in Ulm etwa 1200.
In Kiel waren rund 600 Demonstranten auf den Beinen, in Leipzig waren es nach Attac-Angaben 2000.
In Berlin-Mitte demonstrierten einige Hundert Menschen mit einer Menschenkette.
Die Polizei zählte 600 Teilnehmer, die Veranstalter sprachen von deutlich mehr als den erwarteten 1000.
In Österreich zählten die Organisatoren der Proteste landesweit 22 000 Teilnehmer.
In der Hauptstadt Wien demonstrierten laut Polizei rund 6000 Menschen.
Die Grünen im Bundestag forderten die Europäische Kommission und die Bundesregierung auf, die Proteste gegen TTIP ernst zu nehmen. Die Allianz der Gegner reiche mittlerweile von Gewerkschaften und Kirchen über Mittelstandsvertreter und kommunale Verbände bis hin zu Umwelt- und Datenschützern, sagte die Grünen-Abgeordnete Katharina Dröge.
Quelle: deutsche-wirtschafts-nachrichten.de